Eine Leeze ist ein Fahrrad, jovel heißt gut oder schön. Diese Wörter gehören zur Masematte, einer alten Sondersprache Münsters. Hinter den kurzen Ausdrücken steckt die Geschichte von Handel, Arbeit und Zusammengehörigkeit in den Stadtvierteln des 19. Jahrhunderts.
Foto oben: der Stadthafen in Münster. Klein-Muffi, eines der historischen Masemattequartiere, liegt im benachbarten Herz-Jesu-Viertel. Foto: Dietmar Rabich · CC BY-SA 4.0.
Hier findest du die Wörter und ihre Bedeutungen, ihre Herkunft, die historischen Viertel und Masematte als Kulturerbe.
20 Masematte-Wörter für deinen Münsterbesuch
Manche Wörter bezeichnen ganz gewöhnliche Dinge: das Fahrrad, eine Flasche, Geld. Andere beschreiben, wie etwas ist oder was jemand tut. Die 20 Einträge sind alphabetisch geordnet. Alternative Schreibweisen zu Seeger und Keilof stehen direkt dabei.
| Masematte | Bedeutung |
|---|---|
| Finne | Flasche |
| jovel | gut, schön, prima |
| Kaline | Mädchen, Frau |
| Keilof (auch Kailof) | Hund |
| kneistern | schauen |
| kote | klein |
| Koten | Kind |
| Leeze | Fahrrad |
| Lowi | Geld |
| Lowine | Bier |
| Malessen | Schwierigkeiten |
| Maloche | Arbeit |
| Malocher | Arbeiter |
| meimeln | regnen; auch urinieren |
| Murmelschuppen | Kirche |
| Patte | Portemonnaie |
| Pichelbeis | Kneipe |
| pien | trinken |
| schovel | schlecht, mies |
| Seeger / Seegers | Mann, Kerl |
Lowi und Lowine sehen ähnlich aus, meinen aber Geld und Bier. Beim Wetter hat meimeln eine andere Bedeutung als im Zusammenhang mit einem Toilettengang. Der Satz drumherum hilft also beim Verstehen. Die Wortbedeutungen findest du auch im Sprachkurs der Fachschaft Germanistik, im Masematte-Kurs der Universität und in der Tackopedia des Bürgernetz e. V..
Woher kommt Masematte?
Masematte entstand im 19. Jahrhundert durch den Kontakt verschiedener Sprechergruppen in Münster. Wörter aus dem Jiddischen, Romanes und Rotwelsch verbanden sich mit dem Deutschen und dem westfälischen Niederdeutsch. Besonders der Wortschatz machte Gespräche für Außenstehende schwer verständlich. Die Satzstruktur blieb dabei an das Deutsche und das Münsterländer Platt angelehnt.
Auch der Name führt zum Handel: Masematte hat hebräische Wurzeln, die mit Verhandlung oder Geschäft wiedergegeben werden. Ein genaues Entstehungsjahr lässt sich nicht festlegen. Frühe Beschreibungen werden ungefähr um 1870 eingeordnet. Masematte wurde zunächst vor allem gesprochen; das Wissen darüber beruht auch auf späteren Befragungen alter Sprecher.
Kuhviertel, Pluggendorf und Klein-Muffi
Vier Viertel werden besonders mit der historischen Masematte verbunden: das Kuhviertel, das Sonnenstraßenviertel, Pluggendorf und Klein-Muffi. Hier lebten und arbeiteten unter anderem Händler, Handwerker und Bauarbeiter. Jüdische Menschen sowie Sinti und Roma gehörten zu den Sprechergruppen. Die historische Sprache wurde überwiegend von Männern verwendet.
Klein-Muffi ist eine Bezeichnung für das heutige Herz-Jesu-Viertel in Hafennähe. Die Stadt verortet das Quartier zwischen Hansaring, Wolbecker Straße, Schillerstraße und Dortmund-Ems-Kanal. Wer das Hafenviertel kennt, hat damit eine räumliche Orientierung. Masematte hatte jedoch mehrere Zentren in Münster. Das Stadtmuseum erläutert die Viertel rund um den Bahnhof; die historischen Sprechergebiete beschreibt Klaus Siewert in seinem Steckbrief der Masematte.
Eine Sprache für Geschäfte und Zugehörigkeit
Auf Märkten, Baustellen oder in Kneipen konnte eine gemeinsame Sondersprache praktische Dienste leisten. Die Beteiligten verständigten sich, während andere nicht alles mitbekamen. Das schützte Gespräche bei Geschäften und gegenüber Behörden. Zugleich zeigte die Sprache, wer zur Gruppe gehörte. Gemeinsame Wörter schufen Vertrautheit zwischen Menschen mit unterschiedlichen sprachlichen Hintergründen.
In älteren Beschreibungen begegnet dafür auch der Begriff „Gaunersprache“. Er verengt den Blick auf die Menschen, die Masematte benutzten. Zu ihrer Geschichte gehören ebenso Handwerk, Handel und die Erfahrung sozialer Ausgrenzung. Mit der NS-Verfolgung und Ermordung vieler Sprecher sowie der Zerstörung ihrer Viertel im Zweiten Weltkrieg brach ein großer Teil dieser Sprachgemeinschaft weg.
Was von Masematte heute weiterlebt
Einzelne Wörter blieben in der münsterschen Alltagssprache erhalten. Hinzu kommen Namen von Kneipen, Geschäften und Produkten sowie die Verwendung in Literatur und Karneval. Der Sprachwissenschaftler Helmut Spiekermann bezeichnet die heutige Form als Sekundär-Masematte: Sprechergruppen, Gebrauch und Bedeutung für das Zusammenleben haben sich gegenüber der historischen Sprache verändert. Das erläutert er im Interview der Universität Münster.
Ein Beispiel für die literarische Weiterverwendung ist „Hans hat Massel“. Marion Lohoff-Börger hat „Hans im Glück“ in Masematte neu erzählt. Ihre Lesung beim Kulturamt macht die Wörter auch hörbar. So lässt sich neben ihrer Bedeutung der Klang kennenlernen.
Ist Masematte UNESCO-Weltkulturerbe?
Masematte gehört seit 2025 als Teil der Rotwelsch-Dialekte zum Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Bund und Länder bestätigten die Aufnahme am 26. März 2025. Im Eintrag der Deutschen UNESCO-Kommission wird Masematte ausdrücklich neben weiteren regionalen Sondersprachen genannt. Gewürdigt werden ihre Bewahrung und Weitergabe als kulturelle Ausdrucksformen.
Der genaue Status ist damit ein deutscher Verzeichniseintrag. „UNESCO-Weltkulturerbe“ wäre dafür die falsche Bezeichnung. Auch eine Aufnahme in die internationalen UNESCO-Listen des immateriellen Kulturerbes folgt daraus nicht automatisch.
Mit den Wörtern durch die Stadt
Für die Orte hinter den Begriffen bietet unser Altstadt-Spaziergang einen Einstieg. Mit der Leeze kannst du die Promenade erkunden. Eine Verbindung zu unserem eigenen Sortiment findest du dort im Abschnitt über die Promenadenmischung von Heimat Heroes. Bei Münsters Getränken geht es weiter mit dem Genuss; weitere Stadtgeschichten findest du unter Münster entdecken.
